Ja, darüber müssen wir jetzt auch noch reden!

 

Lange wollte ich mich aus der #metoo Debatte raushalten. Ich habe das Gefühl, dazu einfach nicht so viel sagen zu können beziehungsweise wurde es sowieso schon von allem und jedem angesprochen, dass ich dachte, ich muss da jetzt nicht auch noch meine Senf dazugeben.

Aber doch, das muss ich.
Auch wenn das Thema sehr persönlich, emotional und eigentlich auch irgendwie kontrovers ist, versuche ich jetzt meine Meinung preiszugeben, ohne irgendjemandem zu nahe treten zu wollen und ohne einen Shitstorm auszulösen.

Ich selber habe erst relativ spät von #metoo etwas mitbekommen und ich wollte um ehrlich zu sein auch nicht auf den Zug aufspringen. Einerseits weil ich nie sexuell belästigt oder ähnliches wurde, andererseits weil ich das Gefühl hatte, dass sich das zu einem Trend entwickelt hat. (Achtung, jetzt wird’s gefährlich für mich, beim „richtige-Worte-wählen“). Versteht mich nicht falsch, ich finde es schrecklich wie viele Mädchen und Frauen es gibt, die so etwas am eigenen Körper erlebt haben aber es ist Fakt, dass es sich zu einem Trend entwickelt hat. Alyssa Milano hat damit begonnen und es wurden immer mehr Frauen, die unter #metoo ihre Geschichte geteilt haben. Ich finde das auch super, wie jetzt alle Frauen aktiv werden und ihre Meinung äußern, ich finde es nur ein bisschen schade, dass dazu ein Twitter Post nötig war.

Okay, genug davon, der eigentliche Auslöser für diesen Beitrag hier ist eine Situation die ich gestern erlebt habe. Ich habe seit langem wieder einmal einen Rock angezogen und bin losgegangen um meine Freunde zu treffen. Als ich direkt aus der Haustüre gegangen bin, sah ich auf der anderen Straßenseite (wo ich eigentlich hin musste) sechs oder sieben Männer die alle in meine Richtung kamen. Ich bin dann aus Prinzip nicht rübergegangen, sondern auf meiner Seite geblieben, weil ich die Blicke solcher Männer kenne, die man einem 20-jährigem Mädchen mit Rock zuwirft. Mein Plan war es, einfach die Straßenseite zu wechseln wenn sie weg waren, nur ist mir dieser Plan nicht ganz aufgegangen, weil die Männer mich von drüben gesehen haben und einfach dreist entschieden, direkt auf mich zu zugehen. Das muss man sich mal vorstellen: eine Gruppe von sechs bis sieben erwachsenen Männern, die alle gemeinsam extra die Straßenseite wechseln, nur um mich blöd anzumachen.
Ich hab dann schnell meine Kopfhörer genommen und so getan als würde ich Musik hören aber da ging’s schon los. Dumme Kommentare wie: „He du Schoafe“, „Kann i dei Nummer haben?“ „Geile Oide“, Gepfeife, Gelächter (is ja verdammt cool in einer Männergruppe so lässige Meldungen zu lassen) und durchdringende Blicke von oben bis unten, waren Teil ihres Programms.
Meine Schritte wurden immer schneller und ich fühlte mich mehr als unwohl. Meine erste Reaktion war die gestrige Instastory, die einige von euch sicher gesehen haben. Die Situation ist mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf gegangen und ich konnte meine Gedanken nicht in eine weitere Story verpacken, deswegen lest ihr auch gerade das hier.
Ich war so so so unvorstellbar sauer und konnte nichts dagegen machen. Im Nachhinein ärgere ich mich sehr, nichts gesagt zu haben, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das die Situation nicht verschlimmert hätte. Als Mädchen alleine gegen sechs Idioten hat man wenig Chance und ich wäre vermutlich noch mehr aus- oder angelacht worden. Ich hab ehrlich mit dem Gedanken gespielt, wieder umzudrehen um mich umzuziehen, weil ich Angst hatte dass mir das selbe noch mal passiert aber dann hab ich mir gedacht dass nicht ich daran etwas ändern muss, sondern diese notgeilen Typen, die auf alle Fälle wissen, wie man die Ladies bekommt (lol). Was gibt diesen Männern das Recht so dreist zu sein und in der Öffentlichkeit so dumme Sprüche loszulassen und laut zu pfeifen? Wie wenig Anstand kann jemand besitzen, der solche Aktionen reißt? Wie wenig Selbstwertgefühl müssen diese Idioten haben, um jemand anderem ein noch schlechteres Selbstwertgefühl und das ärgste Unwohlsein überhaupt zu vermitteln?

 

Ich weiß dass nicht alle Männer so sind, im Gegenteil, alle die ich kenne, würden so etwas nie machen, weil’s einfach niveaulos, frech und scheiße ist. Ich weiß nur, dass es noch immer Männer gibt, die glauben dass das cool ist und damit ihr bemitleidenswertes Ego pushen.
Viele von euch haben mir dann gestern noch Nachrichten geschrieben, dass sie so etwas auch dauernd erleben und sich unwohl fühlen, wenn ihnen eine Gruppe von Männern entgegen kommt.

Ich ziehe gerne Röcke und Kleider an, weil ich es schön finde und nicht weil ich mich damit den ganzen Tag unwohl fühlen will. Es ist nicht das erste Mal dass so etwas passiert ist, bisher waren’s aber nur anzügliche Blicke von einzelnen Männern und kein „Kindergarten Ausflug“ so wie gestern.

Zurück zur #metoo Debatte. Ich finde es mutig und gut dass dieses ganze Thema jetzt mehr Aufmerksamkeit bekommt, ich finde nur, dass das ganze schon viel früher behandelt gehört hätte.
Am Anfang dachte ich auch immer, dass es vielleicht ein bisschen übertrieben sei, dass sich schlagartig so viele Frauen auf einmal meldeten. Nach längerem Nachdenken, wurde mir aber bewusst, dass dieses ganze Thema, die Chance hat, gesellschaftspolitisch etwas ganz grundlegendes zu verändern. Es wäre doch schön, wenn jeder mal seine eigene Grenze ziehen darf und andere Menschen auch noch versuchen, diese zu akzeptieren und vor allem nicht zu überschreiten.

Wie gesagt ist das Thema sehr kontrovers, da die einen meinen, dass sich Frauen nicht so anstellen sollen und die anderen sagen natürlich, dass alle Männer Schweine sind. Vor drei Tagen war #metoo bei „Pro und Contra“ Thema und ich war danach wirklich aufgewühlt. Es gab irgendwie nur zwei Extreme und sobald man etwas gesagt hat, was nicht der Meinung des anderem entsprochen hat, wurde man komplett nervös, emotional und böse. Keiner durfte mehr ausreden und jeder hat stur seine eigene Meinung vertreten.
Solche Diskussionen sind wichtig aber ich finde es sollte nicht davon ausgegangen werden, dass es nur zwei Positionen gibt. Das ganze basiert nicht auf zwei einzigen Wahrheiten und es sollte nicht angenommen werden, dass es keine andere Möglichkeit gäbe.

Alle müssen diskutieren aber miteinander und nicht gegeneinander. Vor allem bei so einem heiklen Thema, das uns alle (ja, uns alle!!!) betrifft.

Meinen Fall würde ich jetzt nicht unter die Kategorie #metoo einordnen. Ich habe das Gefühl jede Geschichte wird da eingeordnet. Eigentlich geht es konkret um sexuelle Belästigung und nicht um „der hat mich richtig anzüglich angeschaut“, herrenwitzige Komplimente oder dumme Sprüche. Ich finde es zum Beispiel nicht gut, alles in eine Schublade zu schmeißen aber ich finde es gut, jede einzelne Situation anzusprechen und vor allem mit jemandem darüber zu reden.
Es sollte nicht der Trend sein, andere runter zu machen, von oben herab anzuschauen und vor allem Mädchen und Frauen mit dummen und unnötigen Aktionen wie der gestern einzuschüchtern.

Ich sehe mich nicht als #metoo Opfer, ich danke jedem Gott den es gibt und den es noch geben wird, dass ich noch nie sexuell missbraucht wurde aber selbst so kleine Momente geben einer Frau ein sehr schlechtes Gefühl, was nicht sein müsste.
Ich meine, ich sitze einen Tag später noch immer hier, habe einen Beitrag mit 1170 Wörtern verfasst und trotzdem schwirrt mir noch einiges dazu im Kopf herum aber glaubt ihr, dass diese Männer noch einen einzigen Gedanken an diesen kurzen Moment verschwenden? Ich traue mich zu behaupten, dass das nicht so ist und genau das ist der Punkt. Ich glaube, ihr wisst was ich meine.

Abschlussworte: Es gibt nicht nur zwei Wahrheiten in dieser ganzen Debatte. Ich würde mir wünschen, dass wir alle viel respektvoller miteinander umgehen. Männer mit Frauen und Frauen mit Männern. Warum andere schwächen und schlecht machen, wenn man sich doch gegenseitig auch unterstützen und stärken kann.
Ich wünsche mir ein „Miteinander“ in dieser Sache und kein „Gegeneinander“. Ich stehe hier auf keiner Seite, ich wollte das ganze lediglich aus meiner Sicht wiedergeben.

Wenn euch so etwas jedenfalls auch passiert (die Blicke, die dummen Kommentare usw.), dann versucht das Ganze im Moment einfach zu ignorieren und sprecht danach mit jemandem darüber. Ich hab mich wirklich mies gefühlt und war unglaublich sauer. Reden hilft! Und wenn ihr euch traut, dann sagt etwas. Ich lasse mir jedenfalls meine Laune nicht mehr durch solche Idioten verderben und ich werde sicher keinen zweiten unsicheren Gedanken an mein Outfit verschwenden. Wenn’s mir gefällt, ziehe ich es auch an und das lasse ich mir sicher nicht durch irgendwelche Typen mit schwachem Charakter versauen. Over and out!

 

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8 Comments

  1. Antworten

    Cornelia

    November 10, 2017

    Ein wirklich gelungener Blogpost, der zum Nachdenken anregt! Ich finde es toll, dass du, wie du so schön schreibst, nicht alles in eine Schublade wirfst!
    Liebe Grüße ,
    Coco (:

    • Antworten

      Antonia

      November 10, 2017

      Danke liebe Coco, sehr liebe Worte <3

  2. Antworten

    Sina

    November 10, 2017

    Also Tessa, Punkt A: DU BIST EINE GEILE SAU! Und das darf ich sagen ❤️😏

    Aber ich verstehe vollkommen was du meinst Bzw wie es dir damit geht. Bei mir ist’s teilweise so schlimm geworden, dass ich mich (sobald es dunkel ist) nicht mehr mitm Hund raus traue, weil so viele ekelhafte Menschen draußen rumlaufen … ich finds toll, dass du deine Wut so umgesetzt hast <3

  3. Antworten

    Ulrike

    November 10, 2017

    wunderbarer Blogpost und vieles auch auf den punkt gebracht.
    was MIR alter schachtel (#über50 ) nun im kopf herumschwirrt ist zum einen: ja ich war auch einmal jung und früher hat man bei einer (öffentlichen) Baustelle, an der gerade gearbeitet (straßenarbeiten etc.) wurde, als frau – und da war man oft nicht einmal sexy (kurzer rock was auch immer), sondern GANZ normal gekleidet – nicht einmal ohne depperte, „tiafe“ sexistische witze und VOR ALLEM ohne diese e l e n d i g l i c h e n pffife zu ernten vorbeigehen können. Das war so – vor ca. 35 jahren schon. zweitens und das ist das weitaus schlimmere: wo beginnt miese anmache sexuelle Belästigung und wo endet bloß gutes benehmen (das wir leider heutzutage in ALLEN Bevölkerungsschichten immer seltener antreffen)? diese grenzen sind so fließend geworden… und ich getraue mich zu sagen, dass es mittlerweile sicher schlimmer ist, weil genau das, nämlich das sich belästigt fühlen als frau – verbal oder sogar oft nur durch blöde anzügliche und unangebrachte blicke – dort beginnt, wo sich die einzelne frau nämlich b e l ä s t i g t fühlt, ihre würde nicht aufrecht erhalten sieht, sich respektlos behandelt fühlt UND dies vor allemauf der bloßen Tatsache beruht, das sie eben eine frau ist. das reicht und müsste genügen. den dummdreisten pfeifenden etc. männern (die heutzutage nicht mehr nur in den Baugruben hocken!!!) sagen: LASST ES, denn es ist diskriminierend. Nahezu schon rassistisch, denn es geht ja ausschließlich um das weibliche Geschlecht und vor allem sollte es bald auch nicht mehr straffrei sein.
    so das war jetzt viel länger als gedacht… bzw. ursprgl. beabsichtigt, war mir aber sooo wichtig… (denn ich mach jz sicher keinen post mehr drüber, nicht nur wegen meines (hohen 😉 )alters nicht!).
    Alles Liebe und danke für deine zeilen
    Ulrike

  4. Antworten

    Leni

    November 10, 2017

    Auf meinem Dorf ist mir ähnliches recht häufig passiert. Wir haben eine Kaserne im Nachbardorf und seit ich ein gewisses Alter erreicht habe bin ich für die „Soldaten“, die ja eigentlich für Sicherheit sorgen sollen, interessant. Mir kam zwar noch keine Horde entgegen, aber auch von der anderen Straßenseite pfeifende und hupende, klingelnde oder rufende junge Männer sind absolut nervig. Mit der Zeit habe ich zwar gelernt das weitestgehend zu ignorieren, aber ich finde das sollte nichts sein, was man lernt. Ich rufe doch auch keinem Mann über die Straße, dass seine Hose doch noch ein bisschen enger sein soll, damit ich sein bestes Stück besser begutachten kann? Ich muss sagen mir ist ähnliches bei Frauen bisher noch nicht aufgefallen, dumme Sprüche, die nur auf sexuellen Anspielungen fußen.
    Ich bin auch allen Männern gegenüber diesbezüglich aufgeschlossen und denke nicht, dass das ein „typisch männliches“ Problem ist. Aber als Frau fühle ich mich in solchen Situationen unwohl. Ob es jetzt sexuelle Belästigung ist oder nicht, ich finde solche Männer sollte man eine Woche in eine Erziehungsanstalt geben, wo ihnen beigebracht wird, wie man sich in der Gesellschaft adäquat verhält. Dann müssen sie bestimmte Aufgaben erfüllen und können sich in das ganz normale gesellschaftliche leben einfügen ohne jemanden zu belästigen. Das Problem ist nämlich, dass solche Männer auch solche Männer erziehen, wenn sie denn eine „Dumme“ finden. Auch in der Schule sollte bereits viel mehr daran gearbeitet werden, dass man sich mit Respekt begegnet. Aufklärungsarbeit hinsichtlich „Nein, wir Frauen finden das nicht toll und finden euch dadurch kacke und wollen definitiv nicht deswegen mit euch ins Bett!“ wäre vielleicht eine gute Idee…
    Liebe Grüße,
    Leni 🙂
    http://www.sinnessuche.de

  5. Antworten

    Lara

    November 10, 2017

    Ich finde es sehr sehr wichtig darüber zu reden und seine Gefühle zum Thema auszudrücken und in die Welt zu tragen. Gleichzeitig finde ich es aber so richtig Scheisse, dass das überhaupt noch gemacht werden muss. Ich meine erwachsene Männer sollten doch wohl reif genug sein, um zu wissen, dass man sich über so eine Anmache nicht freut, sondern eher beschämt ist. Aber die sind wahrscheinlich unfähig zu denken. 🙄

    Auf jeden Fall geht’s mir da wie dir, aber ich werde mich deswegen keineswegs einhüllen und verstecken. Ich kann tragen was auch immer ich will und ich das dies mit stolz tun.

    Um zum Punkt zu kommen, sehr gelungener Blogpost und gut, dass du darüber schreibst!

  6. Antworten

    Laura

    November 10, 2017

    Kennen wir doch alle.. bei mir fängt das ja schon an wenn ich am Donaukanal laufen gehe – und da seh ich wirklich nicht gut aus! Man fühlt sich dann einfach unwohl, versteh dich zu gut dass du umdrehen wolltest und dich umziehen – gut dass dus nicht gemacht hast! Toller Post liebe Antonia, lieb deine Art zu schreiben! ❤️

  7. Antworten

    Ullal

    November 10, 2017

    Dass eine 20jährige sich mit diesem Thema befasst finde ich großartig Tessa. Und, dass du dem Ganzen kritisch gegenüberstehst ist noch besser. Frau sollte „Anmache“ vielleiocht nicht immer sofort mit „sexueller Belästigung“ verwechseln. Das ist der Punkt.

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